Mensch und Heilpflanze

Phytopharmaka in der Geriatrie

Heike Lück-Knobloch

Altern ist ein individueller, biologischer, degenerativer, progredient verlaufender Prozess, der mit psychischen und/oder kognitiven bzw. physischen Beeinträchtigungen einhergeht. Die Hormonproduktion und Regenerationsfähigkeit sinkt, die Wasserspeicherung im Gewebe verringert sich, oxidative Schäden häufen sich, Leistungsfähigkeit und Adaption des Immunsystems, der inneren Organe, Nerven, Muskeln, Sinnesorgane, v.a. der Augen und des Gehörs lassen nach.


Das eigentliche bzw. chronologische (laut Geburtsurkunde) und das biologische Alter (entsprechend Körperfunktionen, Aussehen und/oder intellektueller Leistung) können erheblich differieren, was besonders an folgenden Faktoren liegen kann: sozioökonomische Bedingungen (v.a. Beruf, Lebensweise und Ernährung), Gene, emotionaler Umgang mit Problemen (Coping, Resilienz), Toxinbelastung, chronische Erkrankungen.

Es ist wichtig, zwischen altersphysiologischen Veränderungen (z. B. Elastizitätsverlust der Haut) und Alterskrankheiten zu unterscheiden.

Zu den typischen Alterskrankheiten gehören v.a. Katarakt, Makuladegeneration, Altersschwerhörigkeit, neurodegenerative Erkrankungen wie Demenzen und Morbus Parkinson, Inkontinenz, benignes Prostata-Syndrom, arteriosklerotisch bedingte Erkrankungen wie Herzkreislauferkrankungen und Apoplex, Osteoporose, Arthrose.

Viele ältere Menschen erhalten auf Grund ihrer Multimorbidität diverse Medikamente. Sowohl die Pharmakokinetik (Resorption, Metabolisierung, Verteilung und Ausscheidung von Arzneisubstanzen) als auch die Pharmakodynamik (Einfluss von Arzneistoffen auf den Organismus einschließlich Dosis/Wirkungsbeziehungen, Wirkungsmechanismus, Nebenwirkungen, Toxikologie) sind bei ihnen jedoch beeinträchtigt bzw. verändert. Laut Arzneimittelreport 2013 der Barmer GEK, die die Daten von 2,1 Millionen Versicherten mit einem Alter von über 65 Jahren ausgewertet hat, nehmen ältere Menschen zu viele Wirksubstanzen gleichzeitig ein. Bei einem Drittel der über 65-jährigen und bei der Hälfte der Hochbetagten zwischen 80 und 94 Jahren sind es mehr als fünf Wirkstoffe täglich. Männer über 65 Jahre schlucken täglich durchschnittlich 7,3 Wirkstoffe, bei Frauen dieser Altersgruppe waren es 7,2.

Zudem erhalten Demenzkranke zu viele Sedativa aus der Gruppe der Benzodiazepine. Menschen mit Demenz haben ein 1,5-fach erhöhtes Risiko diese Schlaf- und Beruhigungsmittel verschrieben zu bekommen, so Prof. Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen. Deren Einnahme wird jedoch mit einem Verlust kognitiver Fähigkeiten wie Aufmerksamkeit, Erinnerung oder Lernen assoziiert. Viele Jahre der Abhängigkeit können vermutlich sogar einer Demenzentwicklung Vorschub leisten. Glaeske ist sich sicher, dass viele Senioren von Benzodiazepinen abhängig sind und die Medikamente wahrscheinlich häufig nur weiter erhalten, um Entzugssymptomen zu entgehen.1

Einige Arzneimittel erhöhen besonders bei älteren Menschen auch das Sturzrisiko.
Deutsche Wissenschaftler der Universität Witten/Herdecke haben eine Liste (PRISCUS-Liste) erstellt, in der 83, besonders für ältere Menschen, potenziell gefährlich Medikamente aufgeführt werden. Die vorläufige Aufstellung, die 2010 im Deutschen Ärzteblatt publiziert wurde, sollte dazu dienen, dass der Therapeut bei jedem einzelnen Patienten prüft, ob dieser eine bestimmte Arznei unbedingt benötigt, oder ob es nicht eventuell auch harmlosere schulmedizinische Alternativen gibt.2

Für viele, der auf der PRISCUS-Liste angegebenen Anwendungsgebiete werden auch Phytotherapeutika angeboten, die in der Regel besser verträglich sind.

In der folgenden Tabelle wurden beispielsweise bei bestimmten Indikationen den chemisch-definierten Substanzen pflanzliche Arzneimittel gegenübergestellt (Quelle: Prof. Dr. med. dent. Dr. med. Dieter Loew, Phytotherapie in der Geriatrie, 4/2012, Ars Medici thema Phytotherapie, S. 733-736):

Wenn auch kein bestimmtes Kraut gegen das Alter oder die Altersbeschwerden gewachsen ist, so existieren doch zahlreiche Heilpflanzen, mit denen sich die Gebrechen des höheren Lebensalters, besonders natürlich in Verbindung mit einer gesunden Lebensführung (u.a. Bewegung möglichst an der frischen Luft (Vitamin D!), mediterrane Ernährung)3, zumindest lindern lassen. Wichtig sind auch Sozialkontakte.

Im Gegensatz zu Synthetika sind Phytopharmaka komplexe Vielstoffgemische, die durch mehrere Einzeleffekte ein breites Wirkspektrum mit weniger Nebenwirkungen haben. Sie beeinflussen eher unselektiv mehrere Abläufe im Organismus (Pleiotropie). Zu ihren Indikationen gehören weniger akute, schwere Erkrankungen als leichte bis mittelschwere, besonders chronische Leiden.

...


Literatur:
1 www.netdoktor.de/News/Arzneimittelreport-Senioren-1137836.html.
2 www.priscus.net.
3 Estruch R et al., Primary prevention of cardiovascular disease with a Mediterranean diet. N Engl J Med. 2013 Apr 4;368(14):1279-90.
4 www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=795&type=4.
5 Herrschaft H, Nacu A, Likhachev S, Sholomov I, Hoerr R, Schlaefke S, Ginkgo biloba extract EGb 761® in dementia with neuropsychiatric features: a randomised, placebo-controlled trial to confirm the efficacy and safety of a daily dose of 240 mg. J Psychiatr Res. 2012 Jun;46(6):716-23.
6 Amieva H, Meillon C, Helmer C, Barberger-Gateau P, Dartigues JF, Ginkgo biloba extract and long-term cognitive decline: a 20-year follow-up population-based study. PloS One. 2013;8(1):e52775.
7 Tauchert M., Efficacy and safety of crataegus extract WS 1442 in comparison with placebo in patients with chronic stable New York Heart Association class-III heart failure. Am Heart J. 2002 May;143(5):910-5.
8 Giulianelli R et al., Multicentre study on the efficacy and tolerability of an extract of Serenoa repens in patients with chronic benign prostate conditions associated with inflammation. Arch Ital Urol Androl. 2012 Jun;84(2):94-8.
9 Matthias F. Melzig, Phytotherapie im Alter? Z Phytother 2012; 33(4): 155, DOI: 10.1055/s-0032-1329206.
10 Ziegler G, Ploch M, Miettinen-Baumann A, Collet W., Efficacy and tolerability of valerian extract LI 156 compared with oxazepam in the treatment of non-organic insomnia – a randomized, double-blind, comparative clinical study. Eur J Med Res. 2002 Nov 25;7(11):480-6.
11 Hallam KT, Olver JS, McGrath C, Norman TR. Comparative cognitive and psychomotor effects of single doses of Valeriana officinalis and triazolam in healthy volunteers. Hum Psychopharmacol. 2003 Dec;18(8):619-25.
12 Singer A, Schmidt M, Hauke W, Stade K. Duration of response after treatment of mild to moderate depression with Hypericum extract STW 3-VI, citalopram and placebo: a reanalysis of data from a controlled clinical trial. Phytomedicine. 2011 Jun 15;18(8-9):739-42.
13 Searles Nielsen S et al., Nicotine from edible Solanaceae and risk of Parkinson disease. Annals of Neurology. 09.05.2013.

Weitere Quellen:
Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, 259. Auflage, 2001, de Gruyter;
Volker Fintelmann/Rudolf Fritz Weiss, Lehrbuch Phytotherapie, 12., überarbeitete Auflage, 2009, Hippokrates Verlag, Stuttgart.
Dr. med Gisela Pfister-Hotz, Phytotherapie in der Geriatrie, Tagungsbericht 11. Schweizerische Tagung für Phytoherapie, Forsch Komplementärmed 1997;4:134-135; S. Karger GmbH, Freiburg.

Anschrift der Verfasserin:
Heike Lück-Knobloch
Heilpraktikerin
Everskamp 8
40885 Ratingen
E-Mail: Heike_lueck@gmx.de

weiter ... (für Abonnenten der Naturheilpraxis)


Zum Inhaltsverzeichnis

Naturheilpraxis 9/2013